Geschichte – Dialog zwischen Rassekatze und Strassenhund

Beauty und Chicco

Draußen ist es ungemütlich, kalt und es regnet schon seit Stunden. Schön, wenn man da einen warmen und trockenen Platz hat.

Ja, schön für die Rassekatze Beauty, die sich auf der Ofenbank räkelt, verschlafen die Augen öffnet und gähnt.
Langsam beginnt sie, ihr glänzendes Fall zu lecken.

Chicco, der Mischlingshund, schaut ihr dabei zu.
„Ach nein, wie ich wieder aussehe! “ seufzt Beauty entsetzt, springt von ihrem warmen Platz und stolziert in Richtung Fressnapf.
Sie schnuppert kurz am Napf und rümpft verächtlich die Nase: „Pfui, das ist ja schon mindestens zwei Stunden alt! Der Service hier lässt wirklich zu wünschen übrig! „

Chicco blickt von seiner Decke auf: „Ich kann nicht verstehen, warum du klagst. Du hast doch alles und viel mehr als man zum Leben braucht.  Schau dich doch mal um: volle Näpfe – Spielzeug, welches du nicht benutzt – Menschen, die dich lieben und umsorgen. Du lebst im Paradis und klagst?“

„Ach, was weisst denn du? Du bist doch nur ein dummer Strassenköter, der in der Gosse aufgewachsen ist!“, meint Beauty hochnäsig.

„Ja, ich bin nicht in einem warmen und weichen Zuhause auf die Welt gekommen. Ich habe das Leben von einer anderen Seite kennengelernt. Den täglichen Kampf ums Überleben… „

Beauty schaut Chicco gelangweilt an. „Ach,  wer will denn das schon wissen…“

„Oh Beauty, es sollten mehr Menschen wissen, wie es mir und all den Tieren ergeht, die nicht so ein Leben im Luxus führen dürfen.
Es gibt Orte, die sind die reine Hölle für uns Hunde. Und auch für euch Katzen! Wir werden dort wie Wegwerfprodukte behandelt. Hast du jemals Todesangst verspürt? Weisst du, wie es ist, wenn man einsam und verlassen ist? Nur noch traurig ist?

Ich kann mich nicht mehr erinneren, wie lange ich an diesem Ort apathisch in der Ecke lag. Ich hatte unbeschreibliche Schmerzen. Tierarzt ist ein Fremdwort für alle. Den Menschen dort ist es egal, wenn man am nächsten Tag tot im Zwinger liegt.
Ich erinnere mich an eine qualvolle Zeit des Hungerns und den unbeschreiblichen Durst. Manche Menschen machten sich dort einen Spass, uns mit dem Wasserschlauch abzuspritzen – und danach lag man auf dem kalten Zementboden und fror. So viele um mich herum starben…

Nein, meine wohlgepflegte und verwöhnte Freundin, so ein Leben wünsche ich niemandem! Und deshalb bin ich unseren Menschen jeden Tag aufs Neue dankbar, dass sie mich aus dieser Hölle befreit haben. Oh, wie sehr wünsche ich mir, dass auch andere eines Tages erlöst werden!“

Nachdenklich schaut Beauty Chicco an.
„Das, was du erzählst…“

Gedankenverloren leckt sie ihre Pfote, hört abrupt auf, setzt sich aufrecht hin und blickt Chicco an:

„Du hast Recht, Chicco – ich sollte mein Futter nicht verschmähen. Ich sollte dankbar dafür sein, dass es mir gut geht. Ja, auch ich wünsche mir, dass es noch mehr Menschen mit einem guten Herz gibt. Die bereit sind, Tieren zu helfen, die Not leiden.
Komm, mein Freund, wir teilen uns mein Futter.“

Gemeinsam leeren die beiden den Napf und schlafen Seite an Seite ein, während der Sturm draußen tobt und der Regen unaufhörlich auf das Dach prasselt….IMAG0505